Der alte Scheers

Der Sarg wird herausgetragen und wir folgen
dem Ouwe Scheers auf seiner letzten Reise
durch das Dorf.

„Ich wäre lieber heute tot als morgen, ihr bekommt noch einen Dritten Weltkrieg.“ Auch guten Morgen. Im Halbdunkel des frühen Morgens stoße ich mit meinem Hund auf den alten Scheers. Auf seinen Gehstock gestützt und in eine zu große Sicherheitsweste gekleidet, schimpft er weiter: „Ich habe genug, was für ein Elend in der Welt.“ Ich schlurfe ein Stück mit ihm mit. Ich spüre, wie ich seine düstere Stimmung und seine gekrümmte Haltung übernehme. 

Unser neunzigjähriger Nachbar macht jeden Morgen seinen üblichen Spaziergang. Er hat die Zeitung gelesen, Radio 1 läuft und ein paar Stunden später harkt er den Sandstreifen vor dem alten Bauernhaus. Aus der Ferne kann ich seinen Tagesablauf nachvollziehen. 

In der Nachbarschaft kursieren Geschichten, dass er – lange bevor mein Mann und ich in diese Straße gezogen sind – bei Nachbarschaftsfesten spontan Akkordeon gespielt hat. Ich kann den lebensfrohen Scheers, der auf seinem Akkordeon spielt, nicht in dem brummenden Scheers wiederfinden, der sich auf seinen Stock stützt. Liegt es vielleicht an der langen Krankheit seiner viel zu früh verstorbenen Frau, einer unglücklichen zweiten Liebe oder lastet das Leid der Welt schon zu lange auf seinen gebeugten Schultern? 

Nur die Kinder scheinen noch bei den Ouwe Scheers vorbeizuschauen. Durch die Stalltür gehen sie hinein, um in der Küche ihrer Kindheit zu erfahren, wie es ihrem Vater an diesem Tag geht. Einem Vater, dem es schon lange nicht mehr besonders gut geht. 

Einige Monate später fällt es plötzlich auf: Der Sandstreifen wird nicht mehr geharkt. Es dauert ein paar Wochen, bis wir mit der Nachbarschaft schweigend vor dem alten Haus stehen. Trotz seiner Äußerungen hing der alte Scheers stärker am Leben als erwartet. Der Sarg wird herausgetragen, und wir folgen dem alten Scheers auf seiner letzten Reise durch das Dorf. 

In der Kirche folgen die Reden. Der Lebenslauf des alten Scheers ist eine trockene Aufzählung von Jahreszahlen, Ortsnamen, Anzahl der Schwestern, Brüder, Kinder und Enkelkinder. Neunzig Lebensjahre, heruntergebrochen auf Fakten. Das ist alles, was vom alten Scheers übrig bleibt. Es ist eine Beerdigung geworden, bei der man nur Gutes über die Verstorbenen sagt. 

Während sich die Kirche leert, murre ich leise zu meinem Mann, dass ich den alten Scheers in den gesprochenen Worten nicht wiedererkannt habe. Die ausgefransten Ränder seiner Mütze wurden nicht erwähnt. Wollte oder konnte die Familie das nicht verkraften oder fanden sie, dass das nicht zu seiner Beerdigung passte? Ich brummle zu meinem Mann: „Bei meiner Beerdigung darf das anders sein.“ „Keine Sorge“, flüstert er zurück: „Ich werde mich ganz sicher nicht zurückhalten.“ 

Harriet Tomassen

Geschäftsführer

Haben Sie Fragen? Nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.