Mitlesen

Bei uns dreht sich die Geschichte „
“ um einen Herrn, der bei großen Beerdigungen
Stammgast war. Er saß immer hinten in der Aula und ging
danach gerne mit in den Gästeraum, um Kaffee,
Brötchen oder einen Drink zu genießen.

„Verrate es niemandem, aber ich habe heute Morgen im Internet die Beerdigung einer Frau gesehen, die ich
überhaupt nicht kenne. Und jetzt habe ich das Gefühl, sie sehr gut gekannt zu haben.“ Ich habe meine Freundin J. am Telefon. Ihre Beichte bringt mich zum Lachen. Wie und warum, frage ich sie? Meine Freundin ist offenbar in einer Mailingliste einer Coaching-Agentur, bei der diese Frau gearbeitet hat. In der E-Mail standen alle Informationen über die verstorbene Frau und die Informationen darüber, wie man die Beerdigung online mitverfolgen kann.

Seit Corona hat das Online-Mitverfolgen von Beerdigungen von zu Hause aus bei uns enorm zugenommen. Acht Prozent
der Familien nutzten dies vor Corona. Oft handelte es sich dabei um emigrierte Familienmitglieder, die
aus dem Ausland zuschauten. Im vergangenen Jahr loggten sich bei vierzig Prozent der Zeremonien Menschen aus der Ferne ein, um über den Computer mitzuschauen. Regelmäßig sehe ich in Traueranzeigen die Information, dass man online zuschauen kann. Ich selbst wäre zurückhaltend, diese Zugangsdaten in der Zeitung zu veröffentlichen.
Möchten Sie, dass alle in dem verletzlichsten Moment Ihres Lebens zuschauen? 

Die Nichtveröffentlichung der Anmeldedaten ähnelt ein wenig einer Beerdigung im privaten Kreis. Oft entscheiden sich Familien für eine Beerdigung im privaten Kreis. Die Annahme, dass es sich dabei um kleine Beerdigungen handelt, trifft nicht immer zu. Bei einer Beerdigung im privaten Kreis weiß die Familie jedoch genau, wie viele Gäste sie erwarten kann. Das können fünfzig, aber auch dreihundert Gäste sein. Bei einer Traueranzeige in der Zeitung mit dem Text „anstelle von Karten” kann die Familie dies schlechter einschätzen. Und wir auch. 

Es gibt nichts Ärgerlicheres, als nicht genügend Brötchen zu haben, weil viel mehr Menschen kommen, als die Familie geschätzt und uns mitgeteilt hat. Eine solche offene Einladung zu einer Beerdigung kann dazu führen, dass seltsame Gestalten auftauchen
. Bei uns erzählt man sich die Geschichte eines Mannes, der Stammgast bei großen Beerdigungen war. Er saß immer hinten in der Aula und ging anschließend mit in den Gästeraum, um Kaffee, Brötchen oder einen Drink zu sich zu nehmen. Die damaligen Kollegen sahen ihn so oft, dass es auffiel: Dieser Herr hatte sehr viele Beerdigungen! Im Englischen gibt es dafür sogar einen Begriff: einen „Funeral Crasher”. Jemand, der einsam oder hungrig ist und ungebeten zu Beerdigungen geht. Oder sogar schaut, ob die Witwe vielleicht eine interessante neue Partnerin sein könnte! Verrückter geht es nicht. 

Meine Freundin J. ist definitiv keine Funeral Crasherin. Sie identifizierte sich aufgrund ihres Hintergrunds und Alters mit der verstorbenen Frau. Das führte dazu, dass meine Freundin sich an ihrem freien Samstagmorgen einloggte und ein paar Stunden ihrer Zeit damit verbrachte, mit der Familie, Freunden und Kollegen einer Frau mitzufühlen, die sie nie gekannt hatte. So ist das manchmal. Manchmal berühren dich Geschichten über Menschen und du möchtest mehr darüber erfahren. Und dann kannst du heimlich online mitlesen und ja ... sogar eine Träne vergießen.

Harriet Tomassen

Geschäftsführer

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